Predigttext: Mt. 10,26b-33
Liebe Gemeinde,
hören wir nun zunächst den Predigttext aus dem Evangelium nach Matthäus im 10. Kapitel:
„26bDenn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“
Der Herr segne dieses sein Wort an uns allen. Amen!
Cari fratelli e sorelle, la pace sia con voi!
Übersetzt bedeutet das: „Liebe Brüder und Schwestern, der Friede sei mit euch!“
Diese Worte stammen von keinem Geringeren als dem im letzten Jahr verstorbenen Papst Franziskus. Es ist der Friedensgruß, mit dem er so oft mittwochs die Gläubigen zur Generalaudienz begrüßte und den auch heute sein Nachfolger, Papst Leo XIV., über den Petersplatz ruft. Auch wir kennen den Friedensgruß in unserer Abendmahlsliturgie. Sonntags dagegen, nach dem Angelusgebet oben vom Fenster des Apostolischen Palastes, entlässt der Papst die Pilger traditionell mit einem herzlich gerufenen „Buona Domenica“ – einem guten Sonntag.
Vielleicht wundern Sie sich, warum ich die Predigt an diesem Tag auf Italienisch und mit den Worten des Bischofs von Rom beginne. Vielleicht denken Sie auch, Sie seien im falschen Gottesdienst gelandet, möglicherweise in der falschen Kirche. Nun, da kann ich Sie beruhigen. Sie sind genau richtig. Die Lösung ist ganz einfach und zutiefst persönlich:
Über 20 Jahre lang war ich selbst römisch-katholisch. Diese Worte der Päpste habe ich in meinem Leben sehr oft gehört, meditiert und verinnerlicht. Sie sind mir vertraut und gehören unverrückbar zu meiner eigenen geistlichen Biografie. Da ich mittlerweile konvertiert bin, feiere ich den Reformationstag heute ganz bewusst als evangelischer Christ – wenngleich ich immer noch gern mittwochs bei der Generalaudienz und sonntags beim Angelus den Worten in Rom zuhöre. Denn der Glaube lässt sich nicht einfach in Schubladen pressen.
Wir feiern heute das Reformationsfest. Leider drehte sich an diesem Tag in der Vergangenheit allzu oft alles um Abgrenzung. Evangelisch gegen römisch-katholisch. Wir gegen die. Das trotzige Beharren auf den Unterschieden.
Doch darum geht es heute nicht mehr. Es geht im Kern der Reformation vielmehr darum, d
ie eigene Stimme zu finden. Es geht darum, seinen Glauben nicht verschämt im Privaten zu verstecken, sondern ihn mutig zu bekennen. Denn genau dazu fordert uns der Predigttext in Vers 27 auf: „Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.“
Das erfordert natürlich Mut. Damals wie heute. Die Jünger Jesu hatten existenzielle Angst. Sie saßen oft hinter verschlossenen Türen. Darum sagte Jesus zu ihnen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können.“
Martin Luther hatte 1521 auf dem Reichstag in Worms genau diesen Mut, für seine Gewissensfreiheit und seinen Glauben einzustehen. Seine Worte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ sind weltbekannt. Sie zeugen von einer tiefen Glaubensüberzeugung. Und natürlich müssen wir davon ausgehen, dass Martin Luther in diesem Moment genau wie die Jünger nackte Angst hatte – Todesangst sogar. Schließlich wurde er vom Kaiser und den versammelten Bischöfen aufgefordert, alles zu widerrufen. Ihm drohte nicht mehr und nicht weniger als der Scheiterhaufen. Die Ehrfurcht vor Gott und seinem eigenen Gewissen war jedoch größer als die Angst vor den Mächtigen dieser Erde. Reformation bedeutet letztlich genau das: die Angst vor dem Urteil der Menschen zu verlieren, weil man sich in Gottes Hand weiß.
Wenn wir ehrlich sind, haben auch wir heute im Herbst 2026 große Angst. Schauen wir uns doch um, was in diesen Tagen alles auf uns einstürmt. Der Ukrainekrieg dauert nun schon über viereinhalb unendlich lange Jahre. Viele von uns haben die Hoffnung auf eine schnelle Lösung längst verloren. Stattdessen wächst die Sorge vor einer unkontrollierbaren Eskalation, vor hybriden Angriffen auf unsere Infrastruktur, die wir fast täglich in den Nachrichten sehen.
Auch die Situation im Nahen Osten bleibt ein Pulverfass, das uns den Atem anhält. Und im Supermarkt oder beim Blick auf die Heizkostenabrechnung oder an der Tankstelle spüren wir die wirtschaftlichen Folgen tagtäglich im eigenen Portemonnaie. Die Leichtigkeit ist vielen abhanden gekommen. Eine diffuse, bleierne Zukunftssorge hat sich über unser Land gelegt.
Manch einer mag in schlaflosen Nächten fragen: „Wo ist denn nun euer Gott in dieser zerrissenen Welt?“ Haben wir da vielleicht selbst Angst, uns offen zu Jesus zu bekennen? Weil es einfacher ist, den Kopf einzuziehen und mitzuklagen, statt Hoffnung zu verbreiten? Wie reagieren wir ganz persönlich auf Jesu radikales: „Fürchtet euch nicht“?
Es ist natürlich leicht, den Menschen von der Kanzel aus ein billiges „Fürchtet euch nicht!“ zuzurufen. Das klingt schnell nach Vertröstung. Auch Luther war kein angstfreier Superheld, der wie ein Fels in der Brandung stand. Im Gegenteil: Er war ein von Skrupeln und Ängsten getriebener Mensch, geplagt von der Sorge vor dem Gericht Gottes und der eigenen Unzulänglichkeit. Er kannte die inneren Abgründe nur zu gut.
Und genau an diesem Punkt, am Tiefpunkt unserer Furcht, bricht Jesus die Angst mit einem fast schon zärtlichen, alltäglichen Bild. Er holt uns ab, wo wir sind.
Jesus erinnert an das so ziemlich Billigste, was man zur damaligen Zeit auf dem Markt kaufen konnte: zwei Spatzen. Sie kosteten damals einen Groschen. Das Wort, das Luther mit „Groschen“ übersetzte, war im Urtext ein Assarion, in der römischen Welt auch als As bekannt. Das war die kleinste römische Kupfermünze. Rechnen wir das mal kurz um: Der Tageslohn eines einfachen Arbeiters betrug einen Denar. Ein Denar entsprach 16 Assaria. Ein Groschen – das war also das absolute Kleingeld in der Tasche. Fast nichts wert.
Und für dieses absolute Minimum bekam man zwei Spatzen auf dem Markt – das billigste Essen für die Ärmsten, die sich kein anderes Fleisch leisten konnten. Wer zwei Groschen hatte, bekam sogar fünf Spatzen. Das heißt: Ein Spatz wurde komplett umsonst obendrauf gegeben. Er war eine wertlose Gratis-Zugabe, um den Handel anzukurbeln.
Und genau hier setzt Jesus an und sagt: Selbst dieser fünfte, mathematisch wertlose Spatz fällt nicht auf die Erde ohne euren Vater im Himmel. Er ist Gott nicht egal. Wenn Gott schon für das sorgt, was auf dem Markt als wertlose Zugabe verramscht wird – wie viel mehr sorgt er sich um dich?
Vom Spatz auf dem Markt geht Jesus über zu etwas, das noch viel unbedeutender scheint: zu unseren Haaren. Ein einzelnes Haar hat für uns keinen Wert. Wir verlieren täglich Dutzende davon, wir zählen sie nicht, sie sind uns völlig egal.
Aber Jesus sagt: Für Gott bist du kein namenloses Gesicht in einer grauen Masse. Er kennt dich nicht nur im Großen und Ganzen als Teil der Menschheit oder als statistische Größe. Er kennt dich so unbegreiflich detailliert, dass er sogar die Zahl deiner Haare kennt. Er kennt deine verborgenen Sorgen, deine schlaflosen Nächte, deine geheimen Ängste und deine ungesprochenen Gebete.
Martin Luther hat diese Zusage in seiner Zelle förmlich aufgesaugt. Sie war das Heilmittel gegen die Angst, die ihn als Mönch quälte. Er begriff plötzlich: Ich muss mich vor Gott nicht verstecken. Ich muss keine Angst vor einem strafenden Tyrannen haben. Gott sieht mich im kleinsten Detail und hält mich fest. Wenn der Schöpfer des Universums sich um etwas so Flüchtiges wie meine Haare kümmert – dann kann mir kein Kaiser, kein Urteil von Menschen, kein Einbruch der Wirtschaft und keine globale Lebenskrise meine Würde rauben. Mein Schutz bei ihm ist absolut. Luther entdeckte das Fundament der Reformation: Wir müssen uns vor Gott nicht erst passend machen. Wir müssen keine spirituellen Höchstleistungen erbringen. Wir sind bereits bedingungslos angenommen – sola gratia, allein aus Gnade.
Es ist faszinierend, dass genau dieser Gedanke heute, im Jahr 2026, die Konfessionen verbindet, statt sie zu trennen. Erst vor wenigen Monaten hat Papst Leo XIV. in seiner viel beachteten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ eindringlich gemahnt, dass der Mensch in einer zunehmend technisierten, digitalisierten und von Krisen geschüttelten Welt niemals zu einer bloßen Nummer oder einem Datensatz degradiert werden darf. Der Papst betonte, dass die Würde der menschlichen Seele unantastbar ist, weil sie von Gott persönlich ins Dasein geliebt wurde.
Hier reichen sich Luther und Rom die Hand: Es geht um den unendlichen Wert des Einzelnen vor Gott. Keine Maschine, kein Algorithmus und keine irdische Bedrohung kann diesen Wert auslöschen.
Liebe Gemeinde, wenn wir heute an diesem Reformationsfest nach Hause gehen, dann nehmen wir diese Zusage Jesu als Schild gegen die Angst mit in unseren Alltag: Jedes Haar ist gezählt. Wir sind kostbarer als viele Sperlinge. Gott kennt jedes kleinste Detail unseres Lebens und lässt uns nicht fallen.
Und genau deshalb schließt sich hier der Kreis zu den italienischen Worten, mit denen ich diese Predigt begonnen habe. Wenn der Papst den Menschen zuruft: „Buona Domenica!“, dann wünscht er ihnen nicht einfach nur einen netten, freien Tag. Er wünscht ihnen eine echte Domenica – einen Tag des Herrn, einen Tag des tiefen, befreiten Aufatmens mitten in den Stürmen der Zeit.
Aber dieses Aufatmen funktioniert nur, wenn wir mit dem zweiten Teil des Grußes beschenkt nach Hause gehen: mit der pace, mit Gottes tiefem Frieden im Herzen. Dem Frieden, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft und der alle lähmende Angst vertreibt. Die Angst vor den Krisen dieser Welt, die Angst vor dem eigenen Versagen, die Angst vor der Zukunft.
Reformation bedeutet heute: Dieser Friede ist Ihnen bereits geschenkt – ganz ohne Vorleistung, ganz ohne Angst. Sie müssen sich nicht mehr verstecken.
Gehen wir also getrost und mit erhobenem Haupt in die kommende Woche. Leben wir als befreite Menschen, die keine Angst vor der Zukunft haben müssen, weil die Zukunft Gott gehört. Und bringen wir diesen Frieden und diesen reformatorischen Mut dorthin, wo wir in diesen Tagen so dringend gebraucht werden: in unsere Familien, an unsere Arbeitsplätze, in unsere Nachbarschaften und in diese unruhige Welt. Verkünden wir diesen Trost auf den Dächern – mit unseren Worten und mit unserem tatkräftigen Leben.
La pace sia con voi. Der Friede sei mit euch.
Amen.
Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!
© Br. Colin MacTarbh MMXXVI