Wir hören den Predigttext zum heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis aus Römer 12,17-21
17Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben 5. Mose 32,35: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21-22. 21) Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Der Herr segne dieses sein Wort an uns allen. Amen.
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen!
Liebe Gemeinde!
Bis zur Wiesn ist es noch einige Monate hin. Trotzdem möchte ich Ihnen eine humorvolle Begebenheit erzählen, die sich so zugetragen haben könnte.
Nach einer Bierzeltschlägerei befragt die Polizei die Kontrahenten. Der Polizist fragt: „Sagen Sie mal, Herr Müller, wie kam es eigentlich zu dem Streit? Wie ist er entstanden? – „Ach, wissen Sie, Herr Wachtmeister, das kann ich Ihnen gar nicht so genau sagen. Der Freddy, also der Herr Huber, hat gemeint, ich wär ein Depp. Dann hab ich ihm gesagt, dass er selbst ein Depp ist. Dann hat er mir eine gelangt. Dann hab ich ihm natürlich auch eine Watschn verpasst. Dann hat er mir den Maßkrug über den Schädel gezogen und schon war der Streit da.“
Das klingt jetzt erstmal sehr humorvoll. Aber warum sind wir Menschen so? In unserem Beispiel erfolgte auf eine Reaktion sofort eine Gegenreaktion. Wir sehen hier genau eine Eskalation der Gewalt oder eine Gewaltspirale. Das erinnert uns ganz stark an das alttestamentliche „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Ironischerweise ging es bei dem Zitat aus dem Alten Testament eigentlich nicht um Rache, sondern eher um Eindämmung von Vergeltungsmaßnahmen. Es sollte verhindert werden, dass durch Kleinigkeiten und eine dadurch möglicherweise ausgelöste Blutrache ganze Familien vernichtet werden. Darum die exakte Begrenzung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.
Aber auch in unserer kleinen Geschichte aus dem Bierzelt wird die negative Entwicklung deutlich. Angefangen mit einer harmlosen verbalen Entgleisung eskaliert die Situation immer weiter bis hin zur gefährlichen Körperverletzung durch den Maßkrug.
Kennen wir nicht ähnliche Situationen? Wie oft müssen wir uns im Feuer unserer Wut nicht zurückhalten und uns selbst bändigen, ja, die geballte Faust buchstäblich in der Tasche lassen?
Gehen wir knapp 2000 Jahre zurück. Wir schreiben das Jahr 56 nach Christus. Der Apostel Paulus, Verfasser des Römerbriefs, saß in Korinth und schrieb diesen Brief an die Gemeinde in Rom. Rom war damals bereits eine Millionenstadt. Rom war aber keinesfalls eine friedliche Idylle. Im Jahr 56 übernahm der berüchtigte Kaiser Nero das Zepter. Vielen von uns ist sicher noch die beeindruckende Darstellung von Sir Peter Ustinov in seinem Film „Quo vadis“ in Erinnerung. Damals, im Jahr 56 nach Christus, war der 18-jährige Nero allerdings noch nicht der Bösewicht, sondern stand noch unter dem gemäßigten Einfluss seines Lehrers Seneca. Die grausamen Christenverfolgungen begannen erst nach dem großen Brand von Rom im Jahre 64 nach Christus.
Allerdings waren einige Jahre zuvor unter Neros Vorgänger, dem Kaiser Claudius, alle Juden und jüdischen Christen aus Rom vertrieben worden. Sie durften erst nach und nach zurückkehren. Das Klima in Rom war dadurch extrem angespannt. Gerade die Christen wurden oft schikaniert und ungerecht behandelt.
Paulus wusste also, wovon er sprach. Er wusste, wie schwer es ist, nicht zurückzuschlagen. Und dennoch schreibt er genau in diese Spannung: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“
Ja, Paulus wusste, warum er das schreibt. Auch heute erleben wir allzu oft, wie das mit dem Gewaltexzess läuft. Was harmlos beginnt, oft mit einer Kleinigkeit, eskaliert zu einem großen Brand. Wir sehen das sehr oft, ob das nun im privaten Bereich ist oder auch auf staatlicher Ebene. Wie oft hören wir bei einem militärischen Angriff von Vergeltungsmaßnahmen. Wir sehen die Nachrichten aus den Kriegsgebieten unserer Erde und spüren eine tiefe Ohnmacht. Gewalt erzeugt Gegengewalt, Hass gebiert neuen Hass – und am Ende stehen ganze Generationen vor den Trümmern ihrer Existenz. Da wirkt dieses Paulus-Wort fast schon naiv, weltfremd, ja unerträglich: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden.“ Kann man einer traumatisierten Welt wirklich mit Gutem kommen? Paulus war kein Träumer. Er fordert hier keine billige Pazifismus-Floskel. Er weiß, dass Frieden sehr harte Arbeit ist. Er fordert einen radikalen Systemwechsel, der im Kleinen beginnt, damit er im Großen überhaupt eine Chance hat.
Paulus sagt weiter: „21Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Im griechischen Text wird hier ein Bild aus dem Kampfsport gebraucht. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden…“ Das hier verwendete Wort „nikao“ wird im Passiv verwendet und bedeutet wörtlich „lass dich nicht zu Boden drücken“, ist also genau die Situation, wie man sie von Ringkämpfen kennt. Im zweiten Teil des Verses heißt es: „…sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Diese Metapher des Siegens nikao stellt sozusagen den Konter, den Gegenangriff dar, bei dem der Gegner mit einem aktiven Kampfgriff selbst zu Boden geworfen wird.
„Wie du mir, so ich dir.“ Wir alle kennen diesen Spruch. Wenn wir uns darauf einlassen, landen wir in einer gefährlichen Falle. Wer zurückschlägt, lässt sich vom Bösen sozusagen zu Boden werfen. Wir begeben uns damit auf dieselbe Stufe mit dem Angreifer und sind dann keinen Deut besser als er. Ja, mehr noch, wir tragen dazu bei, dass sich das Unrecht verdoppelt und verdreifacht. Nicht umsonst spricht man von einer Spirale der Gewalt. Als Christen stehen wir unter einem anderen Gesetz als dem Gesetz der Vergeltung.
Ich weiß, das klingt jetzt sehr einfach. Und wenn wir ehrlich sind, dann fällt es uns doch wahnsinnig schwer, die Faust im wahrsten Sinne des Wortes in der Tasche zu lassen. Am liebsten würden wir es dem anderen doch heimzahlen und ihm so richtig eins auswischen, ihm sauber eine mitgeben. Und dafür brauchen wir heute meistens gar keinen Maßkrug und kein Bierzelt mehr. Das Bierzelt unseres Alltags ist viel subtiler. Das ist der giftige, verletzende Kommentar unter einem Post in den sozialen Medien. Das ist der eiskalte Seitenhieb der Kollegin oder des Kollegen in der Kaffeeküche, der uns den ganzen Arbeitstag vermiest. Oder der fiese Streit in der Familie, wo alte Wunden aufgerissen werden und man genau weiß, mit welcher Bemerkung man den anderen am besten treffen und verletzen kann. Da juckt es uns in den Fingern. Da wollen wir zurückschlagen, digital oder verbal. Wir wollen die Kränkung nicht auf uns sitzen lassen. Wer nicht kontert, gilt in unserer Welt schnell als schwach, als Verlierer.
Und seien wir ehrlich: Es tut im ersten Moment ja auch so richtig gut, recht zu behalten. Wenn der andere spürt, dass er zu weit gegangen ist. Wenn wir den perfekten, scharfen Konter gelandet haben und die Umstehenden nicken. Unser Ego triumphiert. Aber was bleibt danach?
Meistens ein bitterer Nachgeschmack. Der Kollege geht auf Distanz, in der Familie herrscht eisiges Schweigen, und der Konflikt ist kein Stück gelöst. Er hat sich nur tiefer in die Seele gefressen. Wir haben den Ball der Bitterkeit zurückgespielt, anstatt ihn einfach flachzuhalten. Wir merken: Wer das Spiel des „Wie du mir, so ich dir“ mitspielt, kann am Ende gar nicht gewinnen. Er wird selbst Teil des Problems.
Woher also nehmen wir die Kraft für den christlichen „Kontergriff“, der eben keine Vergeltung zur Folge hat?
Richten wir unseren Blick auf das Kreuz. Jesus Christus hing am Kreuz, absolut unschuldig, verspottet, verhöhnt, bespuckt, geschlagen und gedemütigt. Es war seine Entscheidung, das über sich ergehen zu lassen. Wie einfach hätte er Legionen von Engeln herbeirufen und diese Ungerechtigkeit beenden können. Er hätte ganz einfach Vergeltung üben können. Doch was tat er stattdessen? Er sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Jesus hat das Böse am Kreuz nicht mit Gewalt vernichtet. Nein, er hat es überwunden, indem er aus Liebe zu uns gestorben und auferstanden ist. Damit hat der Tod keine Macht mehr über uns. Der Weg ist frei.
Wir müssen nun nicht jede Kränkung und Ungerechtigkeit im „Bierzelt des Lebens“ mit einem Maßkrug vergelten. Wir dürfen die Gerechtigkeit getrost Gott überlassen und müssen uns nicht zum Richter aufschwingen.
Und genau dadurch tun wir das, wovon Paulus schreibt: Wir sammeln feurige Kohlen auf dem Haupt des Feindes.
Im alten Ägypten gab es angeblich ein rituelles Zeichen der Reue. Wenn jemand ein Verbrechen öffentlich bereuen wollte, trug er als Zeichen der Buße ein Becken mit glühenden Kohlen auf dem Kopf.
Indem wir auf einen Angriff nicht mit dem metaphorischen Maßkrug antworten, sondern unserem Gegenüber stattdessen die Hand reichen, treiben wir ihm die Schamesröte ins Gesicht.
Das ist kein feiges Nachgeben. Das ist gelebte Stärke. Das ist der Moment, in dem wir die Gewaltspirale mit einem Lächeln, mit einem tiefen Atemzug oder mit einem versöhnlichen Wort einfach durchbrechen.
Wenn wir in die neue Woche starten, werden diese Momente kommen. Der Drängler auf der Autobahn, der genervte Kunde, der giftige Kommentar im Netz. Atmen wir in diesem Moment kurz durch. Denken wir an die feurigen Kohlen der Liebe. Lassen wir die Faust in der Tasche und öffnen stattdessen die Hand.
Lassen wir uns also nicht vom Bösen besiegen. Lassen wir uns stattdessen vielmehr von der Liebe Jesu anstecken, damit wir die Welt um uns verändern können – Schritt für Schritt – mit dem Guten.
Amen.
Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!
© Br. Colin MacTarbh MMXXVI