MacTarbh

Mittwoch, 3. Juni 2026

Predigt zu Trinitatis, 31.05.26

4. Mose 6,22-27
22Der HERR redete mit Mose und sprach: 23Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24Der HERR segne dich und behüte dich; 25der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Der Herr segne dieses sein Wort an uns allen. Amen!


Liebe Gemeinde,

ja, Sie haben richtig gehört. Der heutige Predigttext befasst sich mit dem so genannten Aaronitischen Segen, den wir alle vor allem als Schlusssegen nach dem Gottesdienst kennen. Und nein, wir sind tatsächlich noch nicht am Ende des Gottesdienstes angelangt. 😉

Wenden wir uns aber zunächst dem heutigen Fest zu. Wir feiern das Fest „Trinitatis“. Aber was ist das überhaupt, Trinitatis? Oder, wie ich als Kind und Jugendlicher gern gefragt hab: „Was ist das? Kann man das essen?“
Wir zählen bis zum Ende des Kirchenjahres immerhin den 1. – 24. Sonntag nach Trinitatis. Doch was verbirgt sich dahinter?

Nun, das Wort Trinitatis ist eigentlich gar kein eigenständiges Wort. Es ist der Genitiv des Wortes „Trinitas“, was nichts anderes als Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit bedeutet. Der Begriff Trinitatis ist durch eine Verkürzung entstanden. Vollständig spricht man von „Sollemnitas Trinitatis“ oder „Festum Trinitatis“, also Hochfest bzw. Fest der Dreieinigkeit.
Und da sind wir auch schon beim heutigen Thema angelangt. Mit Trinitatis feiern wir kein Ereignis, wie Ostern oder letzten Sonntag Pfingsten. Wir feiern vielmehr das Wesen Gottes. Gott ist einer, aber in drei „Personen“, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das nennt man auch „gegenseitige Einwohnung“. Die Theologie nutzt hier ein faszinierendes Wort: Perichorese. Das klingt kompliziert, bedeutet aber eigentlich etwas sehr Bewegtes. Es meint die ‚gegenseitige Einwohnung‘, aber im Griechischen schwingt darin auch das Wort für ‚Tanzen‘ mit.
Stellen Sie sich die Dreieinigkeit nicht als ein starres Standbild vor, sondern als einen ewigen Reigentanz der Liebe.

• Verbundenheit: Vater, Sohn und Heiliger Geist bewegen sich so im Einklang, dass sie untrennbar sind.
• Einheit: Es ist ein Tanz, auch wenn drei Personen ihn tanzen.
• Handeln: Wenn einer einen Schritt macht, bewegen sich die anderen mit. Alles geschieht aus dieser tiefen Gemeinschaft heraus. Ich gebe zu: Das klingt immer noch ein wenig nach hoher Schule der Theologie. Aber eigentlich ist die Botschaft ganz einfach: Gott ist kein einsamer, unbeweglicher Block. Gott ist in seinem tiefsten Wesen Beziehung und Lebendigkeit.

Aber wie erklärt man das Unbegreifliche? Wie macht man diesen göttlichen Tanz anschaulich? Darum gibt es verschiedene Ansätze, das eigentlich Unbegreifliche besser zu begreifen. Ein schönes Bild ist das des musikalischen Dreiklangs: Wenn wir drei Töne gleichzeitig anschlagen, hören wir einen vollen Akkord. Jeder Ton ist eigenständig, man kann ihn heraushören, und doch verschmelzen sie zu einer einzigen Harmonie. Einer allein wäre nur ein Ton – erst zusammen werden sie zum Klang des Lebens.
Ein anderes bekanntes Beispiel stammt vom irischen Nationalheiligen, dem Heiligen Patrick.

Der Heilige Patrick, ein irischer Missionar aus dem 5. Jahrhundert, soll die Dreieinigkeit anhand des dreiblättrigen Kleeblattes erklärt haben. Das Trifollium oder Shamrock wurde zum irischen Nationalsymbol.
Die Erklärung Patricks war dabei ziemlich simpel: Das Kleeblatt ist eine einzelne Pflanze, die mit drei getrennten Blättern existiert. Genauso ist auch Gott ein Wesen, das in drei Personen existiert, nämlich Vater Sohn und Heiliger Geist. Da die Dreifaltigkeit schwer zu greifen ist, wurden auch andere Symbole als Erklärung verwendet, wie zum Beispiel die Sonne: Gott Vater ist der Himmelskörper, Gott Sohn das Licht und der Heilige Geist die Wärme. Diese Bilder helfen uns, eine Ahnung von Gottes Wesen zu bekommen. Doch die Dreifaltigkeit ist mehr als nur ein schönes Gleichnis, das wir uns ausgedacht haben. Sie ist die Art und Weise, wie Gott uns begegnet und wie er uns in seine Gemeinschaft ruft. Ganz deutlich wird das im Neuen Testament, wo Jesus uns diesen Namen Gottes direkt in den Mund legt.

Im Taufbefehl in Mt. 28, 19 taucht die Dreifaltigkeit explizit auf: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Auch im Aaronitischen Segen, und damit kommen wir zum heutigen Predigttext, wird die Dreifaltigkeit zumindest angedeutet. Der Segen ist in drei Teile gegliedert, die jeweils eine Steigerung bedeuten. Jeder der drei Teile beginnt mit „Der Herr…“

Schauen wir uns die drei Teile genauer an.
Aber Halt – haben Sie in 4. Mose 6, 27 genau hingehört? Gott sagt dort nicht: ‚Der Pfarrer oder Prädikant segnet euch.‘ Er sagt: ‚Sie sollen meinen Namen auf sie legen, dass ICH sie segne.‘ Segen ist keine menschliche Leistung. Er ist kein magischer Schutzschild, den ich hier vorne produziere. Ich bin nur der Überbringer, der den Namen Gottes wie einen warmen Mantel über Ihre Schultern legt, Ihnen den Segen zuspricht. Den Rest tut Gott selbst.

Der Segen beginnt mit den Worten - „Der Herr segne dich und behüte dich…“

Hier geht es um Schutz und Bewahrung, wie man ihn beispielsweise ausführlicher aus Psalm 121 kennt. Der Vater ist der Schöpfer und Bewahrer.

- „Der Herr lasse leuchten sein Angesicht und sei dir gnädig…“

Hier bekommt Gott in Jesus ein Gesicht. Wir kennen es alle, wenn jemand vor Freude strahlt. Stellen Sie sich mal strahlende Kinderaugen vor. Oder das Strahlen der Oma bzw. des Opas, wenn das Enkelkind zu Besuch kommt. Das hebräische Wort für „gnädig sein“, chanan (חָנַן), bedeutet ursprünglich, sich zu jemandem herabzubeugen. Es beschreibt das Bild eines Erwachsenen, der in die Knie geht, um einem Kind auf Augenhöhe zu begegnen.

- „Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

Gott Heiliger Geist ist gegenwärtig und schenkt Schalom (שָׁלוֹם). Das hebräische Wort für Frieden, schalom, bedeutet mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Es geht um ein umfassendes Wohlergehen und Heilsein in allen Lebensbereichen. Wir verwechseln Segen ja oft mit Glück. Glück ist, wenn im Leben alles glatt läuft. Segen ist mehr. Segen ist das tiefe Wissen: Ich bin gehalten, egal was kommt. Gott verspricht uns hier nicht, dass ab morgen alle Probleme verschwinden. Aber er verspricht, dass er mit hineingeht in unseren Alltag, in unsere Freude und auch in unsere Brüche.
Bei unseren jüdischen Geschwistern wird dieser Segen mit einer besonderen Zeremonie gesprochen. Der Segen selbst darf nur von Priestern, Kohanim (כֹּהֲנִים ), (Plural von Kohen, כֹּהֵן) genannt, gespendet werden. Sie gelten als Nachfahren Aarons. Die Priester bedecken dabei ihre Köpfe, halten ihre beiden Hände unter dem Gebetsschal erhoben und spreizen dabei die Finger so, dass der hebräische Buchstabe Schin für Schaddai (= der Allmächtige, שַׁדַּי) gebildet wird.
Was aber hat es mit diesem Gruß auf sich? Immerhin wird im hebräischen Text Jahwe (יהוה) geschrieben und Adonai ( אֲדֹנָי) gesprochen. Wieso also das Schin?
Nun, dafür gibt es vor allem zwei Gründe.
Zum einen steht der Buchstabe Schin für „Schaddai“ (שַׁדַּי), was „der Allmächtige“ bedeutet. In der jüdischen Tradition gilt dieser Name als Schutzname. Der Segen erfleht Schutz und Frieden. Um diese göttliche Eigenschaft sozusagen zu „visualisieren“, bildet man das Schin. Zum anderen geht es um die göttliche Gegenwart. Im Hebräischen heißt sie „Schechiná“ (שְׁכִינָה), beginnt also ebenfalls mit einem Schin. Nach jüdischer Vorstellung scheint während des Segens die göttliche Gegenwart durch die Finger der Priester auf die Gemeinde. Es wird also deutlich, dass der aaronitische Segen kein „frommer Wunsch“ ist, sondern eine direkte Zuwendung Gottes an jeden einzelnen. Im Grunde ist es Gott selbst, der segnet.

Und diese Gegenwart Gottes verändert unseren Blick auf den Alltag: Der Segen nimmt uns vielleicht nicht die schwere Arbeitswoche, die Geldsorgen oder die Krankheit ab. Aber er verändert, wie wir darin bestehen. Gesegnet sein heißt: Ich gehe nicht allein. Gottes Angesicht leuchtet über mir – selbst dann, wenn es in meinem Leben gerade stockdunkel ist.

Jetzt noch etwas für die Star Trek-Fans unter uns: Der Darsteller von Mr. Spock, Leonard Nimoy, sah diese Geste als Kind in einer Synagoge und leitete davon seinen berühmten Vulkaniergruß „Live long and prosper“ – „Lebe lang und in Wohlstand“ ab. Allerdings benutzt er für diese Geste nur eine Hand.

Gott hat ein Gesicht für uns bekommen – im Schutz des Vaters, in der Gnade des Sohnes und im Frieden des Geistes. Sein Leuchten bleibt auf Ihnen liegen, heute und an jedem neuen Tag.
Amen

Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!

© Br. Colin MacTarbh MMXXVI

Montag, 21. April 2025

"6 Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. 7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. 8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat's gesagt. 9 Zu der Zeit wird man sagen: »Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil." (Jes. 25, 6-9)

Predigt zu Jes. 25, 6-9, gehalten am Ostermontag, 21.04.25 Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen!

Liebe Gemeinde,

wissen Sie noch, wo Sie am 31. August 1988 waren? Nein? Gut, das ist ja auch schon paar Tage her und zwar 13.382 Tage, um genau zu sein. Ich weiß noch ganz genau, wo ich damals war. Am 31. August 1988 war ich in Glücksburg an der Ostsee, das bei Flensburg liegt. Ganz im Norden also. Dort hatte sich unsere Familie versammelt, um den 80. Geburtstag meiner mittlerweile längst verstorbenen Oma zu feiern. Zu diesem Zweck war in einem guten Hotel ein Festsaal gemietet worden. Selbstverständlich gab es ein gutes Festmahl mit mehreren Gängen. Es war eine große Gesellschaft, denn wir waren eine große Familie. Meine Oma hatte zudem auch noch einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Es wurde viel und gut gegessen, es gab viele Reden und es gab viele Begegnungen. Es war ein wunderschönes Fest, das nicht nur den Körper nährte, sondern auch die Seele.

An dieses damalige Festmahl werde ich erinnert, wenn ich die Worte des Propheten Jesaja höre, Worte, die von einem festlichen Mahl sprechen, von der Überwindung des Leids und von einer tiefen Hoffnung, die in Gott gründet. Diese Worte sind wie ein Lichtblick in dunkler Zeit, eine Verheißung, die uns auch heute noch stärkt und tröstet. Wir richten unseren Blick gleichzeitig auf die Hoffnung, die über den Tod hinausreicht. Es sind Worte voller Verheißung und Hoffnung. In einer Zeit, die oft von Dunkelheit und Ungewissheit geprägt war, richtete Jesaja seinen Blick auf eine strahlende Zukunft, auf ein Fest, das Gott selbst bereiten wird. Diese Worte sind nicht nur für die Menschen damals relevant gewesen, sondern sprechen auch heute tief in unsere Herzen. Sie laden uns ein, inmitten unserer eigenen Herausforderungen und Fragen einen Moment innezuhalten und uns auf die Hoffnung auszurichten, die in diesen Versen aufscheint.

Was bedeutet dieses Bild für uns? Zunächst einmal ist es ein Bild der Fülle und des Überflusses. In unserem Leben erfahren wir oft Mangel – Mangel an Zeit, an Kraft, an Anerkennung, vielleicht sogar an materiellen Dingen. Doch hier verheißt Gott einen Überfluss, der alle Grenzen sprengt. Es ist ein Mahl, das nicht nur den Hunger stillt, sondern uns sättigt und erfreut.

Zweitens ist es ein Mahl für alle Völker. Gottes Einladung ist universell. Es spielt keine Rolle, woher wir kommen, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen oder welche Vergangenheit wir mit uns tragen. Gott deckt den Tisch für die ganze Menschheit. Das ist eine tiefgreifende Botschaft der Inklusion und der Einheit. In einer Welt, die oft von Spaltung und Ausgrenzung geprägt ist, erinnert uns diese Verheißung daran, dass wir alle Teil von Gottes großer Familie sind.

Und schließlich ist dieses Mahl ein Ausdruck von Gottes unverdienter Gnade. Wir haben dieses Fest nicht verdient. Wir können es uns nicht erarbeiten oder erkaufen. Es ist ein Geschenk Gottes, eine Einladung an uns, seine Güte und Liebe anzunehmen. So wie wir an einen reich gedeckten Tisch kommen und uns einfach setzen dürfen, so dürfen auch wir uns auf Gottes Gnade verlassen, die uns nährt und stärkt.

Weiter heißt es: „Und er wird auf diesem Berg die Hülle wegnehmen, die alle Völker verhüllt, und die Decke, die alle Nationen bedeckt.“ Dieses Bild der Hülle und der Decke spricht von den Dingen, die uns gefangen halten, die uns belasten und uns die Sicht auf die Wahrheit und das Licht versperren. Es kann sich dabei um Trauer, Angst, Ungerechtigkeit, Sünde oder sogar den Tod selbst handeln. Gottes Verheißung ist, dass er diese Hülle wegnehmen wird. Er wird uns befreien von dem, was uns bedrückt und uns die Freude am Leben nimmt. Es ist ein Akt der Befreiung und der Erlösung. So wie man eine schwere Decke abwirft, um wieder frei atmen zu können, so wird Gott uns von den Lasten befreien, die auf unseren Schultern liegen.

Besonders eindrücklich ist die Aussage: „Er wird den Tod für immer verschlingen.“ Der Tod, diese unentrinnbare Realität unseres menschlichen Daseins, wird seine Macht verlieren. Das ist eine revolutionäre Hoffnung, die über alles Irdische hinausgeht. Es ist die Verheißung eines Lebens ohne Ende, ohne Schmerz und ohne Verlust.

Und schließlich heißt es: „Und der Herr, HERR, wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.“ Dieses zarte Bild spricht von Gottes tiefem Mitgefühl für unser Leid. Er sieht unsere Tränen, er teilt unseren Schmerz, und er wird ihn ein für alle Mal stillen. Es ist eine Verheißung der Heilung und des Trostes. In Gottes Gegenwart wird es keine Trauer mehr geben, nur noch Freude und Frieden. Diese Verheißung taucht übrigens auch wieder in der Offenbarung auf, wo es heißt: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen.“ (Offb. 21, 4) Dritter Gedankengang: Die Gewissheit der Erlösung – Einladung zum Vertrauen Der Prophet schließt mit den Worten: „An jenem Tag wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, und er hat uns gerettet. Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und uns freuen über sein Heil!“ Diese Worte sind ein Bekenntnis des Glaubens und der Hoffnung. Sie drücken die Gewissheit aus, dass Gottes Verheißungen wahr werden. Es ist ein Aufruf, den Blick nicht auf die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu richten, sondern auf die zukünftige Erlösung, die Gott uns schenkt. Es ist auch eine Einladung zum Jubel und zur Freude. Angesichts dieser überwältigenden Verheißungen können wir nicht anders, als uns von Dankbarkeit und Freude erfüllen zu lassen. Es ist ein Fest des Glaubens, ein Fest der Hoffnung, ein Fest der Erlösung, das bereits in unseren Herzen beginnen kann.

Gottes Verheißung ist, dass er diese Hülle wegnehmen wird. Er wird uns befreien von dem, was uns bindet und uns die Freude am Leben raubt. Das erinnert uns an die Emmausjünger aus dem heutigen Evangelium (Lukas 24,13-35). Nach dem Tod Jesu waren sie verzweifelt und voller Trauer. Ihre Hoffnung schien mit ihm begraben. Doch dann begegnete ihnen der auferstandene Christus auf ihrem Weg. Zuerst erkannten sie ihn nicht, aber als er mit ihnen das Brot brach, da wurden ihre Augen geöffnet. Die Hülle der Trauer und der Verzweiflung zerbrach, und sie erkannten die lebendige Hoffnung in ihrer Mitte.

Auch in unserem Leben gibt es Momente, in denen wir uns wie die Emmausjünger fühlen – verloren, traurig, ohne klare Sicht. Doch Gottes Verheißung ist, dass er uns nicht allein lässt. Er kommt uns entgegen, oft auf unerwartete Weise, und er kann die Hüllen zerbrechen, die uns umgeben. Auch im Gedenken an unsere Verstorbenen, wie meine eingangs erwähnte Oma, mag es Momente der Trauer geben, des Vermissens. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott auch diese Hülle des Schmerzes eines Tages wegnehmen wird.

Diese Hoffnung auf die Überwindung des Todes ist tief im christlichen Glauben verwurzelt. Durch die Auferstehung Jesu Christi hat der Tod seinen Stachel verloren, wie Paulus es im 1. Korintherbrief ausdrückt (1. Korinther 15,55). Das Abendmahl, das wir feiern, ist nicht nur eine Erinnerung an Jesu Tod, sondern auch eine Vorschau auf das himmlische Festmahl, auf die endgültige Gemeinschaft mit Gott, in der es keinen Schmerz und keinen Tod mehr geben wird.
Im Abendmahl begegnet uns der auferstandene Christus selbst. Er ist selbst wahrhaftig gegenwärtig in Brot und Wein, real präsent, wie die Kirche das nennt. Das wird auch in den Einsetzungsworten deutlich: „Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ Und: „Nehmet hin und trinket alle daraus. Das ist mein Blut des neuen Testamentes, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, sooft ihr’s trinket, zu meinem Gedächtnis.“

Wichtig zu wissen ist, dass das Abendmahl eben kein reines Gedächtnismahl ist. Jesus Christus begegnet uns selbst in Brot und Wein. Denken wir immer daran, wenn wir zum Tisch des Herrn gehen, dass es eine persönliche Begegnung mit ihm selbst ist. Ich möchte an dieser Stelle nochmals kurz zurückblicken, allerdings nicht ins Jahr 1988, sondern zum Gründonnerstag. Der Gründonnerstag ist bekanntlich der Tag, an dem Jesus das Abendmahl eingesetzt hat. Hier in der Paul-Gerhardt-Kirche haben wir eine Sederfeier gefeiert. Kurz ausgedrückt ist eine Sederfeier eine Art zeremonielles Essen vor dem Pessachfest. Natürlich ist es nicht identisch mit unserem Abendmahl. Dennoch habe ich mich während dieser Feier Jesus so unglaublich nah gefühlt. Auf meine Frage nach der Feier bekam ich die Antwort, dass Jesus die Sederfeier ähnlich gefeiert habe. Diese Nähe können wir auch im Abendmahl erfahre, auch jetzt gleich im Anschluss. Auch das Abendmahl ist in gewisser Weise ein Gastmahl, denn Jesus selbst lädt uns ein als Vorgeschmack zum himmlischen Festmahl, das bei Jesaja so schön beschrieben wird.

Liebe Gemeinde, die Worte Jesajas laden uns ein, uns an den Tisch der Hoffnung zu setzen, den Gott für uns bereitet hat. Sie erinnern uns an das Abendmahl, ein Zeichen seiner Liebe und unserer Gemeinschaft mit ihm. Sie ermutigen uns, darauf zu vertrauen, dass Gott die Hüllen des Leids und des Todes zerbrechen wird, so wie er es den Emmausjüngern gezeigt hat. Und sie geben uns die Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. So feiern wir heute die Hoffnung, die uns in Jesus Christus geschenkt ist – eine Hoffnung, die stärker ist als der Tod und die uns einst zu einem ewigen Festmahl mit Gott führen wird. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.

Freitag, 20. August 2021

"Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir: Herr, höre meine Stimme! Wende dein Ohr mir zu, achte auf mein lautes Flehen!" (Ps. 130, 1.2)

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen!

Liebe Brüder und Schwestern!

Wer mich kennt, der weiß, wie sehr mir der Film "Braveheart" am Herzen liegt. Ziemlich am Anfang des Films gibt es eine Szene, in der der Vater des noch jungen William Wallace zu Grabe getragen wird. Ich habe diese Szene deutlich vor Augen und höre die etwas heisere Stimme des Geistlichen/Mönchs, als er folgende Worte spricht: "De profundis clamavi ad te, Domine; Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae." Das einfache Volk versteht natürlich nichts, sagt aber zum Schluss brav "Amen".

Ihr ahnt natürlich bereits, dass es sich bei diesen Worten um die lateinische Fassung des heutigen Bibelwortes handelt. Dieser Psalm 130 ist der sechste Bußpsalm und hat Eingang in den Begräbnisritus der römisch-katholischen Kirche gefunden. Aus diesem Grund erscheint er auch in der vorgenannten Szene aus "Braveheart".

So manch eine/r mag sich jetzt fragen: 'Schön und gut, aber was hat das zu bedeuten? Allerheiligen und Allerseelen sind noch weit weg. Ist jemand gestorben?' Nun, ganz so schlimm ist es gottlob nicht.

Dieser Psalm klingt auf den ersten Blick nach absoluter Hoffnungslosigkeit. Für den Psalmisten ist offenbar alles "den Bach runtergegangen". Er scheint am Boden zu liegen. Doch genau in dieser Situation kommt das Vertrauen auf den rettenden Gott durch. Objektiv mag alles verloren scheinen, doch der Psalmist richtet seinen Blick nach oben, auf Gott. Das wird auch im späteren Verlauf des Psalms deutlich: "Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort." (Vers 5)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir, egal, wie aussichtslos so manche Situation sein mag, nie den Blick auf den rettenden Herrn verlieren! Mit ihm wird alles gut!

Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!

© Br. Colin MacTarbh MMXXI

Sonntag, 29. März 2020

"Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?" (Mk. 4, 40)

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen!

Liebe Brüder und Schwestern!

Der heutige Bibelvers entstammt der Geschichte, in der Jesus einen Sturm stillt. Da ich diesen Text in seiner Gänze für wichtig halte, habe ich ihn hier kopiert:

35 Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. 36 Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; und andere Boote begleiteten ihn. 37 Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. 38 Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? 39 Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. 40 Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?

Diese Geschichte fand auf dem See Genezareth statt. Der See Genezareth liegt 212 Meter unter dem Meeresspiegel. Er ist bekannt für plötzlich aufkommende Fallwinde und Stürme. Die aufgepeitschten Wellen werden sehr hoch, da sie -bedingt durch die engen Küsten- nicht ausrollen können.

In solch einem Sturm befand sich das Boot. Die Jünger hatten Angst, da die Wellen so hoch waren und das Schiff zu sinken drohte. Jesus aber hielt im Heck des Bootes ein Nickerchen. Verständlich, dass die Jünger verängstigt waren, oder? Wie hätten wir reagiert, wenn wir mit den Jüngern buchstäblich in einem Boot gesessen wären? Worauf hätten wir geschaut? Auf die sich immer höher türmenden Wellen, das eindringende Wasser oder auf Jesus?

Wir wissen, wie die Geschichte zu Ende ging. Die völlig verängstigten Jünger wecken Jesus, der den Sturm "bedroht", woraufhin "völlige Stille" eintritt.

Auch wir kennen in unserem Leben zahlreiche Stürme. Manche Stürme scheinen es uns so bedrohlich, dass wir Angst haben, unser Lebensschiff könnte kentern. Wir rufen zu Gott, scheinen aber keine Antwort zu erhalten. Gott scheint zu schlafen oder uns nicht zu hören. Und doch dürfen wir sicher sein, dass ihm nichts entgleitet, dass ihm nichts zuviel oder zu unbedeutend ist. Er kennt unsere "Stürme", unsere Sorgen, Ängste und Probleme. Und keine Angst, mit ihm im Boot werden wir nicht untergehen!

Das nachfolgende Bild habe ich vor Jahren auf einem Mittelaltermarkt erstanden. Es zeigt die Situation sehr schön, wie ich finde. Durch einen Klick auf das Bild kann man die Ansicht vergrößern, es genauer betrachten und auch darüber meditieren.


Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!

© Br. Colin MacTarbh MMXX

Montag, 2. März 2020

"In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." (Joh. 16, 33b; LÜ)

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen!

Liebe Brüder und Schwestern!

In diesen Tagen häufen sich erschreckende Nachrichten und Neuigkeiten. Am Coronavirus Covid-19 kommt derzeit kaum jemand vorbei. Dieses schwer fassbare Virus, gegen das es zudem derzeit keinen Impfstoff gibt, verunsichert und verängstigt die Leute. Events werden abgesagt, von teilweise stattfindenden Hamsterkäufen ist die Rede und auch sonst könnte man meinen, bei einer Infektion automatisch dem Tode geweiht zu sein.

Aber auch andere Nachrichten beschäftigen und ängstigen uns. Der Konflikt zwischen der Türkei und Syrien scheint immer mehr zu eskalieren. Eine neue Flüchtlingswelle scheint auf uns zuzurollen. Der Klimawandel und die Tatsache, dass dieser möglicherweise nicht mehr aufzuhalten ist, beunruhigt die Menschen ebenfalls. Und das sind nur einige der Themen, die uns beschäftigen und beunruhigen.

Wie wohltuend ist da das Wort Jesu: "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." An anderer Stelle sagt Jesus sogar sehr deutlich: "Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich" (Joh. 14, 1).

Interessant finde ich es, in diesem Zusammenhang mal einen Blick in den altgriechischen Text zu werfen. Für das Wort "Angst" wird dort das griechische "thlipsis" verwendet. Wörtlich übersetzt bedeutet thlipsis soviel wie Druck oder Bedrängnis. Bei der Bedeutung dieses Wortes liegt die Betonung stärker auf den äußeren Ursachen, die das Gefühl der Angst erzeugen und weniger auf dem Gefühl selbst.

Dadurch wird deutlich, dass Jesus unsere Ängste sehr wohl kennt und auch ernst nimmt. Aber er ist stärker als alles, was uns Angst macht, denn er hat die Welt (und damit auch die Auslöser für unsere Ängste) überwunden!

Wir dürfen ihm ruhig alles hinhalten, was uns bewegt, was uns ängstigt und was uns beunruhigt. Jesus ist nur ein Gebet weit entfernt!

Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!

© Br. Colin MacTarbh MMXX