MacTarbh

Sonntag, 28. Juni 2026

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis

Wir hören den Predigttext zum heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis aus Römer 12,17-21

17Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben 5. Mose 32,35: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Spr 25,21-22. 21) Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Der Herr segne dieses sein Wort an uns allen. Amen.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen!

Liebe Gemeinde!

Bis zur Wiesn ist es noch einige Monate hin. Trotzdem möchte ich Ihnen eine humorvolle Begebenheit erzählen, die sich so zugetragen haben könnte.

Nach einer Bierzeltschlägerei befragt die Polizei die Kontrahenten. Der Polizist fragt: „Sagen Sie mal, Herr Müller, wie kam es eigentlich zu dem Streit? Wie ist er entstanden? – „Ach, wissen Sie, Herr Wachtmeister, das kann ich Ihnen gar nicht so genau sagen. Der Freddy, also der Herr Huber, hat gemeint, ich wär ein Depp. Dann hab ich ihm gesagt, dass er selbst ein Depp ist. Dann hat er mir eine gelangt. Dann hab ich ihm natürlich auch eine Watschn verpasst. Dann hat er mir den Maßkrug über den Schädel gezogen und schon war der Streit da.“

Das klingt jetzt erstmal sehr humorvoll. Aber warum sind wir Menschen so? In unserem Beispiel erfolgte auf eine Reaktion sofort eine Gegenreaktion. Wir sehen hier genau eine Eskalation der Gewalt oder eine Gewaltspirale. Das erinnert uns ganz stark an das alttestamentliche „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Ironischerweise ging es bei dem Zitat aus dem Alten Testament eigentlich nicht um Rache, sondern eher um Eindämmung von Vergeltungsmaßnahmen. Es sollte verhindert werden, dass durch Kleinigkeiten und eine dadurch möglicherweise ausgelöste Blutrache ganze Familien vernichtet werden. Darum die exakte Begrenzung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.
Aber auch in unserer kleinen Geschichte aus dem Bierzelt wird die negative Entwicklung deutlich. Angefangen mit einer harmlosen verbalen Entgleisung eskaliert die Situation immer weiter bis hin zur gefährlichen Körperverletzung durch den Maßkrug. Kennen wir nicht ähnliche Situationen? Wie oft müssen wir uns im Feuer unserer Wut nicht zurückhalten und uns selbst bändigen, ja, die geballte Faust buchstäblich in der Tasche lassen?

Gehen wir knapp 2000 Jahre zurück. Wir schreiben das Jahr 56 nach Christus. Der Apostel Paulus, Verfasser des Römerbriefs, saß in Korinth und schrieb diesen Brief an die Gemeinde in Rom. Rom war damals bereits eine Millionenstadt. Rom war aber keinesfalls eine friedliche Idylle. Im Jahr 56 übernahm der berüchtigte Kaiser Nero das Zepter. Vielen von uns ist sicher noch die beeindruckende Darstellung von Sir Peter Ustinov in seinem Film „Quo vadis“ in Erinnerung. Damals, im Jahr 56 nach Christus, war der 18-jährige Nero allerdings noch nicht der Bösewicht, sondern stand noch unter dem gemäßigten Einfluss seines Lehrers Seneca. Die grausamen Christenverfolgungen begannen erst nach dem großen Brand von Rom im Jahre 64 nach Christus.
Allerdings waren einige Jahre zuvor unter Neros Vorgänger, dem Kaiser Claudius, alle Juden und jüdischen Christen aus Rom vertrieben worden. Sie durften erst nach und nach zurückkehren. Das Klima in Rom war dadurch extrem angespannt. Gerade die Christen wurden oft schikaniert und ungerecht behandelt.
Paulus wusste also, wovon er sprach. Er wusste, wie schwer es ist, nicht zurückzuschlagen. Und dennoch schreibt er genau in diese Spannung: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“

Ja, Paulus wusste, warum er das schreibt. Auch heute erleben wir allzu oft, wie das mit dem Gewaltexzess läuft. Was harmlos beginnt, oft mit einer Kleinigkeit, eskaliert zu einem großen Brand. Wir sehen das sehr oft, ob das nun im privaten Bereich ist oder auch auf staatlicher Ebene. Wie oft hören wir bei einem militärischen Angriff von Vergeltungsmaßnahmen. Wir sehen die Nachrichten aus den Kriegsgebieten unserer Erde und spüren eine tiefe Ohnmacht. Gewalt erzeugt Gegengewalt, Hass gebiert neuen Hass – und am Ende stehen ganze Generationen vor den Trümmern ihrer Existenz. Da wirkt dieses Paulus-Wort fast schon naiv, weltfremd, ja unerträglich: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden.“ Kann man einer traumatisierten Welt wirklich mit Gutem kommen? Paulus war kein Träumer. Er fordert hier keine billige Pazifismus-Floskel. Er weiß, dass Frieden sehr harte Arbeit ist. Er fordert einen radikalen Systemwechsel, der im Kleinen beginnt, damit er im Großen überhaupt eine Chance hat. Paulus sagt weiter: „21Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Im griechischen Text wird hier ein Bild aus dem Kampfsport gebraucht. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden…“ Das hier verwendete Wort „nikao“ wird im Passiv verwendet und bedeutet wörtlich „lass dich nicht zu Boden drücken“, ist also genau die Situation, wie man sie von Ringkämpfen kennt. Im zweiten Teil des Verses heißt es: „…sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Diese Metapher des Siegens nikao stellt sozusagen den Konter, den Gegenangriff dar, bei dem der Gegner mit einem aktiven Kampfgriff selbst zu Boden geworfen wird.

„Wie du mir, so ich dir.“ Wir alle kennen diesen Spruch. Wenn wir uns darauf einlassen, landen wir in einer gefährlichen Falle. Wer zurückschlägt, lässt sich vom Bösen sozusagen zu Boden werfen. Wir begeben uns damit auf dieselbe Stufe mit dem Angreifer und sind dann keinen Deut besser als er. Ja, mehr noch, wir tragen dazu bei, dass sich das Unrecht verdoppelt und verdreifacht. Nicht umsonst spricht man von einer Spirale der Gewalt. Als Christen stehen wir unter einem anderen Gesetz als dem Gesetz der Vergeltung.

Ich weiß, das klingt jetzt sehr einfach. Und wenn wir ehrlich sind, dann fällt es uns doch wahnsinnig schwer, die Faust im wahrsten Sinne des Wortes in der Tasche zu lassen. Am liebsten würden wir es dem anderen doch heimzahlen und ihm so richtig eins auswischen, ihm sauber eine mitgeben. Und dafür brauchen wir heute meistens gar keinen Maßkrug und kein Bierzelt mehr. Das Bierzelt unseres Alltags ist viel subtiler. Das ist der giftige, verletzende Kommentar unter einem Post in den sozialen Medien. Das ist der eiskalte Seitenhieb der Kollegin oder des Kollegen in der Kaffeeküche, der uns den ganzen Arbeitstag vermiest. Oder der fiese Streit in der Familie, wo alte Wunden aufgerissen werden und man genau weiß, mit welcher Bemerkung man den anderen am besten treffen und verletzen kann. Da juckt es uns in den Fingern. Da wollen wir zurückschlagen, digital oder verbal. Wir wollen die Kränkung nicht auf uns sitzen lassen. Wer nicht kontert, gilt in unserer Welt schnell als schwach, als Verlierer.

Und seien wir ehrlich: Es tut im ersten Moment ja auch so richtig gut, recht zu behalten. Wenn der andere spürt, dass er zu weit gegangen ist. Wenn wir den perfekten, scharfen Konter gelandet haben und die Umstehenden nicken. Unser Ego triumphiert. Aber was bleibt danach? Meistens ein bitterer Nachgeschmack. Der Kollege geht auf Distanz, in der Familie herrscht eisiges Schweigen, und der Konflikt ist kein Stück gelöst. Er hat sich nur tiefer in die Seele gefressen. Wir haben den Ball der Bitterkeit zurückgespielt, anstatt ihn einfach flachzuhalten. Wir merken: Wer das Spiel des „Wie du mir, so ich dir“ mitspielt, kann am Ende gar nicht gewinnen. Er wird selbst Teil des Problems. Woher also nehmen wir die Kraft für den christlichen „Kontergriff“, der eben keine Vergeltung zur Folge hat?

Richten wir unseren Blick auf das Kreuz. Jesus Christus hing am Kreuz, absolut unschuldig, verspottet, verhöhnt, bespuckt, geschlagen und gedemütigt. Es war seine Entscheidung, das über sich ergehen zu lassen. Wie einfach hätte er Legionen von Engeln herbeirufen und diese Ungerechtigkeit beenden können. Er hätte ganz einfach Vergeltung üben können. Doch was tat er stattdessen? Er sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Jesus hat das Böse am Kreuz nicht mit Gewalt vernichtet. Nein, er hat es überwunden, indem er aus Liebe zu uns gestorben und auferstanden ist. Damit hat der Tod keine Macht mehr über uns. Der Weg ist frei.
Wir müssen nun nicht jede Kränkung und Ungerechtigkeit im „Bierzelt des Lebens“ mit einem Maßkrug vergelten. Wir dürfen die Gerechtigkeit getrost Gott überlassen und müssen uns nicht zum Richter aufschwingen.

Und genau dadurch tun wir das, wovon Paulus schreibt: Wir sammeln feurige Kohlen auf dem Haupt des Feindes. Im alten Ägypten gab es angeblich ein rituelles Zeichen der Reue. Wenn jemand ein Verbrechen öffentlich bereuen wollte, trug er als Zeichen der Buße ein Becken mit glühenden Kohlen auf dem Kopf.

Indem wir auf einen Angriff nicht mit dem metaphorischen Maßkrug antworten, sondern unserem Gegenüber stattdessen die Hand reichen, treiben wir ihm die Schamesröte ins Gesicht.
Das ist kein feiges Nachgeben. Das ist gelebte Stärke. Das ist der Moment, in dem wir die Gewaltspirale mit einem Lächeln, mit einem tiefen Atemzug oder mit einem versöhnlichen Wort einfach durchbrechen.

Wenn wir in die neue Woche starten, werden diese Momente kommen. Der Drängler auf der Autobahn, der genervte Kunde, der giftige Kommentar im Netz. Atmen wir in diesem Moment kurz durch. Denken wir an die feurigen Kohlen der Liebe. Lassen wir die Faust in der Tasche und öffnen stattdessen die Hand.

Lassen wir uns also nicht vom Bösen besiegen. Lassen wir uns stattdessen vielmehr von der Liebe Jesu anstecken, damit wir die Welt um uns verändern können – Schritt für Schritt – mit dem Guten. Amen.

Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!

© Br. Colin MacTarbh MMXXVI

Mittwoch, 3. Juni 2026

Predigt zu Trinitatis, 31.05.26

4. Mose 6,22-27
22Der HERR redete mit Mose und sprach: 23Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24Der HERR segne dich und behüte dich; 25der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Der Herr segne dieses sein Wort an uns allen. Amen!


Liebe Gemeinde,

ja, Sie haben richtig gehört. Der heutige Predigttext befasst sich mit dem so genannten Aaronitischen Segen, den wir alle vor allem als Schlusssegen nach dem Gottesdienst kennen. Und nein, wir sind tatsächlich noch nicht am Ende des Gottesdienstes angelangt. 😉

Wenden wir uns aber zunächst dem heutigen Fest zu. Wir feiern das Fest „Trinitatis“. Aber was ist das überhaupt, Trinitatis? Oder, wie ich als Kind und Jugendlicher gern gefragt hab: „Was ist das? Kann man das essen?“
Wir zählen bis zum Ende des Kirchenjahres immerhin den 1. – 24. Sonntag nach Trinitatis. Doch was verbirgt sich dahinter?

Nun, das Wort Trinitatis ist eigentlich gar kein eigenständiges Wort. Es ist der Genitiv des Wortes „Trinitas“, was nichts anderes als Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit bedeutet. Der Begriff Trinitatis ist durch eine Verkürzung entstanden. Vollständig spricht man von „Sollemnitas Trinitatis“ oder „Festum Trinitatis“, also Hochfest bzw. Fest der Dreieinigkeit.
Und da sind wir auch schon beim heutigen Thema angelangt. Mit Trinitatis feiern wir kein Ereignis, wie Ostern oder letzten Sonntag Pfingsten. Wir feiern vielmehr das Wesen Gottes. Gott ist einer, aber in drei „Personen“, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das nennt man auch „gegenseitige Einwohnung“. Die Theologie nutzt hier ein faszinierendes Wort: Perichorese. Das klingt kompliziert, bedeutet aber eigentlich etwas sehr Bewegtes. Es meint die ‚gegenseitige Einwohnung‘, aber im Griechischen schwingt darin auch das Wort für ‚Tanzen‘ mit.
Stellen Sie sich die Dreieinigkeit nicht als ein starres Standbild vor, sondern als einen ewigen Reigentanz der Liebe.

• Verbundenheit: Vater, Sohn und Heiliger Geist bewegen sich so im Einklang, dass sie untrennbar sind.
• Einheit: Es ist ein Tanz, auch wenn drei Personen ihn tanzen.
• Handeln: Wenn einer einen Schritt macht, bewegen sich die anderen mit. Alles geschieht aus dieser tiefen Gemeinschaft heraus. Ich gebe zu: Das klingt immer noch ein wenig nach hoher Schule der Theologie. Aber eigentlich ist die Botschaft ganz einfach: Gott ist kein einsamer, unbeweglicher Block. Gott ist in seinem tiefsten Wesen Beziehung und Lebendigkeit.

Aber wie erklärt man das Unbegreifliche? Wie macht man diesen göttlichen Tanz anschaulich? Darum gibt es verschiedene Ansätze, das eigentlich Unbegreifliche besser zu begreifen. Ein schönes Bild ist das des musikalischen Dreiklangs: Wenn wir drei Töne gleichzeitig anschlagen, hören wir einen vollen Akkord. Jeder Ton ist eigenständig, man kann ihn heraushören, und doch verschmelzen sie zu einer einzigen Harmonie. Einer allein wäre nur ein Ton – erst zusammen werden sie zum Klang des Lebens.
Ein anderes bekanntes Beispiel stammt vom irischen Nationalheiligen, dem Heiligen Patrick.

Der Heilige Patrick, ein irischer Missionar aus dem 5. Jahrhundert, soll die Dreieinigkeit anhand des dreiblättrigen Kleeblattes erklärt haben. Das Trifollium oder Shamrock wurde zum irischen Nationalsymbol.
Die Erklärung Patricks war dabei ziemlich simpel: Das Kleeblatt ist eine einzelne Pflanze, die mit drei getrennten Blättern existiert. Genauso ist auch Gott ein Wesen, das in drei Personen existiert, nämlich Vater Sohn und Heiliger Geist. Da die Dreifaltigkeit schwer zu greifen ist, wurden auch andere Symbole als Erklärung verwendet, wie zum Beispiel die Sonne: Gott Vater ist der Himmelskörper, Gott Sohn das Licht und der Heilige Geist die Wärme. Diese Bilder helfen uns, eine Ahnung von Gottes Wesen zu bekommen. Doch die Dreifaltigkeit ist mehr als nur ein schönes Gleichnis, das wir uns ausgedacht haben. Sie ist die Art und Weise, wie Gott uns begegnet und wie er uns in seine Gemeinschaft ruft. Ganz deutlich wird das im Neuen Testament, wo Jesus uns diesen Namen Gottes direkt in den Mund legt.

Im Taufbefehl in Mt. 28, 19 taucht die Dreifaltigkeit explizit auf: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Auch im Aaronitischen Segen, und damit kommen wir zum heutigen Predigttext, wird die Dreifaltigkeit zumindest angedeutet. Der Segen ist in drei Teile gegliedert, die jeweils eine Steigerung bedeuten. Jeder der drei Teile beginnt mit „Der Herr…“

Schauen wir uns die drei Teile genauer an.
Aber Halt – haben Sie in 4. Mose 6, 27 genau hingehört? Gott sagt dort nicht: ‚Der Pfarrer oder Prädikant segnet euch.‘ Er sagt: ‚Sie sollen meinen Namen auf sie legen, dass ICH sie segne.‘ Segen ist keine menschliche Leistung. Er ist kein magischer Schutzschild, den ich hier vorne produziere. Ich bin nur der Überbringer, der den Namen Gottes wie einen warmen Mantel über Ihre Schultern legt, Ihnen den Segen zuspricht. Den Rest tut Gott selbst.

Der Segen beginnt mit den Worten - „Der Herr segne dich und behüte dich…“

Hier geht es um Schutz und Bewahrung, wie man ihn beispielsweise ausführlicher aus Psalm 121 kennt. Der Vater ist der Schöpfer und Bewahrer.

- „Der Herr lasse leuchten sein Angesicht und sei dir gnädig…“

Hier bekommt Gott in Jesus ein Gesicht. Wir kennen es alle, wenn jemand vor Freude strahlt. Stellen Sie sich mal strahlende Kinderaugen vor. Oder das Strahlen der Oma bzw. des Opas, wenn das Enkelkind zu Besuch kommt. Das hebräische Wort für „gnädig sein“, chanan (חָנַן), bedeutet ursprünglich, sich zu jemandem herabzubeugen. Es beschreibt das Bild eines Erwachsenen, der in die Knie geht, um einem Kind auf Augenhöhe zu begegnen.

- „Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

Gott Heiliger Geist ist gegenwärtig und schenkt Schalom (שָׁלוֹם). Das hebräische Wort für Frieden, schalom, bedeutet mehr als nur die Abwesenheit von Krieg. Es geht um ein umfassendes Wohlergehen und Heilsein in allen Lebensbereichen. Wir verwechseln Segen ja oft mit Glück. Glück ist, wenn im Leben alles glatt läuft. Segen ist mehr. Segen ist das tiefe Wissen: Ich bin gehalten, egal was kommt. Gott verspricht uns hier nicht, dass ab morgen alle Probleme verschwinden. Aber er verspricht, dass er mit hineingeht in unseren Alltag, in unsere Freude und auch in unsere Brüche.
Bei unseren jüdischen Geschwistern wird dieser Segen mit einer besonderen Zeremonie gesprochen. Der Segen selbst darf nur von Priestern, Kohanim (כֹּהֲנִים ), (Plural von Kohen, כֹּהֵן) genannt, gespendet werden. Sie gelten als Nachfahren Aarons. Die Priester bedecken dabei ihre Köpfe, halten ihre beiden Hände unter dem Gebetsschal erhoben und spreizen dabei die Finger so, dass der hebräische Buchstabe Schin für Schaddai (= der Allmächtige, שַׁדַּי) gebildet wird.
Was aber hat es mit diesem Gruß auf sich? Immerhin wird im hebräischen Text Jahwe (יהוה) geschrieben und Adonai ( אֲדֹנָי) gesprochen. Wieso also das Schin?
Nun, dafür gibt es vor allem zwei Gründe.
Zum einen steht der Buchstabe Schin für „Schaddai“ (שַׁדַּי), was „der Allmächtige“ bedeutet. In der jüdischen Tradition gilt dieser Name als Schutzname. Der Segen erfleht Schutz und Frieden. Um diese göttliche Eigenschaft sozusagen zu „visualisieren“, bildet man das Schin. Zum anderen geht es um die göttliche Gegenwart. Im Hebräischen heißt sie „Schechiná“ (שְׁכִינָה), beginnt also ebenfalls mit einem Schin. Nach jüdischer Vorstellung scheint während des Segens die göttliche Gegenwart durch die Finger der Priester auf die Gemeinde. Es wird also deutlich, dass der aaronitische Segen kein „frommer Wunsch“ ist, sondern eine direkte Zuwendung Gottes an jeden einzelnen. Im Grunde ist es Gott selbst, der segnet.

Und diese Gegenwart Gottes verändert unseren Blick auf den Alltag: Der Segen nimmt uns vielleicht nicht die schwere Arbeitswoche, die Geldsorgen oder die Krankheit ab. Aber er verändert, wie wir darin bestehen. Gesegnet sein heißt: Ich gehe nicht allein. Gottes Angesicht leuchtet über mir – selbst dann, wenn es in meinem Leben gerade stockdunkel ist.

Jetzt noch etwas für die Star Trek-Fans unter uns: Der Darsteller von Mr. Spock, Leonard Nimoy, sah diese Geste als Kind in einer Synagoge und leitete davon seinen berühmten Vulkaniergruß „Live long and prosper“ – „Lebe lang und in Wohlstand“ ab. Allerdings benutzt er für diese Geste nur eine Hand.

Gott hat ein Gesicht für uns bekommen – im Schutz des Vaters, in der Gnade des Sohnes und im Frieden des Geistes. Sein Leuchten bleibt auf Ihnen liegen, heute und an jedem neuen Tag.
Amen

Et pax Dei, quae exsuperat omnem sensum, custodiet corda vestra et intelligentias vestras in Christo Iesu. Amen!

© Br. Colin MacTarbh MMXXVI